Jeder neue Tagesbrief setzt den gestrigen und vorgestrigen Brief fort.
Wenn Sie heute neu auf diese Seite kommen, fehlt Ihnen mitunter der
Zusammenhang, der stellt sich aber nach ein bis zwei weiteren Briefen
morgen und übermorgen ein.



Liebe Freundin, lieber Freund,

die meisten Menschen stellen sich diese Frage nicht. Sie leben einfach drauflos, machen aus neu alt und legen das Alte dann enttäuscht und gelangweilt zur Seite. Wir sind es nicht anders gewohnt und haben nichts anderes gelernt. Hierbei kommt unser oberflächliches Konsumdenken zum Tragen, jenes Denken, das all unsere Lebensbereiche durchzieht, wie die Kleidung, die Wohnungseinrichtung, die Musik, die wir hören, die Bücher, die wir lesen - sofern wir überhaupt Bücher lesen -, und die Bilder, die wir uns an die Wände hängen. Die gesamte Unterhaltungs- und Kulturindustrie ist auf dieses Neue ausgerichtet. Es muss neu sein, ein neuer Sound, ein neuer Stil, eine neue Mode, eine neue Inszenierung, eine neue Philosophie. Das Neue, gerade aufgekommen, ist nach wenigen Monaten schon veraltet. Alles unterliegt der Mode, wird konsumiert und dann als veraltet weggeschoben. Jedes Halbjahr erscheint in den entsprechenden Magazinen eine Liste, was als >in< und was als >out< gilt. Die Macht dieser Einflüsse ist viel manipulierender, als du glaubst. Das Rad dreht sich immer schneller, und mit ihm die Zeit, in der wir leben, eine Zeit, die vielen als immer knapper bemessen scheint. Dieses Konsumsystem hat seine eigene Strategie, die dich manipuliert. Du wehrst dich gegen das Wort >Manipulation<, denn es kränkt deine Selbstachtung, manipuliert zu sein. Aber jene Einflüsse der Moden überrollen und umspülen dich. Du lässt dich mitreißen von den neuen Reizen. All das ist sehr oberflächlich, aber dennoch offenbar äußerst reizvoll.
Herzliche Grüße
- bis morgen