Jeder neue Tagesbrief setzt den gestrigen und vorgestrigen Brief fort.
Wenn Sie heute neu auf diese Seite kommen, fehlt Ihnen mitunter der
Zusammenhang, der stellt sich aber nach ein bis zwei weiteren Briefen
morgen und übermorgen ein.



(Gestriger Tagesbrief vom )

Liebe Freundin, lieber Freund,

wenn ich dich mit verbaler Ironie angreife, bewege ich mich in einer Grauzone, die oft toleriert wird. Ich kann deine Kleidung kritisieren, dein Aussehen oder dir ungeschickte Wortwahl im Gespräch vorhalten. Ich kann dir bewußtmachen, dass du dieses oder jenes Fremdwort nicht kennst, kann deine Meinung über ein Thema der Lächerlichkeit preisgeben und rechthaberisch meine Meinung als die bessere darstellen. Das ist geistige Gewalt, die psychosomatische Auswirkungen hat. Ich kann dich kränken durch einen überheblichen Ton und verächtlich machende Gestik.

Das alles sind subtile Methoden der Gewalt, mit den Folgen der psychosomatisch wirkenden Körperverletzung. Ich kränke dich und kann dich weiter kränken, indem ich dann sage, wenn ich deine Betroffenheit sehe: »Sei doch nicht so empfindlich.« Damit habe ich dich erneut gekränkt, also körperverletzt. Vielleicht bin ich dir nur verbal überlegen und mache dich »mundtot«, und du wirst immer stiller und kleinlauter, denn du fühlst dich schwach, und das ist dir peinlich. Keiner soll diese Schwäche bemerken. Ich kann all meine Intelligenz aufbieten, auf dich bezogen, es geschieht immer nach dem gleichen Prinzip: Ich bin intelligenter, ich weiß mehr, ich habe mehr Geld, ein größeres Haus, kenne einflussreiche Menschen, bin witziger, schlagfertiger, kreativer . . . So gehen wir alltäglich miteinander um. Ich möchte dir bewußtmachen: Wir gehen herzlos miteinander um.
Herzliche Grüße
- bis morgen